Interview mit Ass. Jur. Vanessa Hübner

Welche Rolle spielt grüne Beschaffung beim Atomausstieg bis 2022?

Foto von Vanessa Hübner

Der öffentliche Sektor übt eine nicht unerhebliche Marktmacht aus. Eine von McKinsey & Company Inc. im Auftrag des Bundesumweltministeriums 2008 durchgeführte Studie beziffert das Beschaffungsvolumen des öffentlichen Sektors in umweltorientierten Zukunftsmärkten auf jährlich 51,4 Mrd. EUR. Über 60 Prozent (ca. 32 Mrd. EUR) dieses Beschaffungsvolumens entfällt laut McKinsey auf Kommunen und kommunale Unternehmen.

Das Reduktionspotenzial durch die öffentliche Beschaffung beziffert McKinsey & Company Inc. mit mehr als 12 Mt CO2e bis zum Jahr 2020. Das entspricht einer Verringerung um 28 Prozent. Dabei gehen voraussichtlich die Treibhausgasemissionen ohne Einsatz von spezifischen Vermeidungshebeln um 6,4 Mt CO2e zurück. 5,7 Mt CO2e können durch Umsetzung spezifischer Vermeidungshebel eingespart werden. Von diesen Einsparungen können 3,9 Mt CO2e durch Maßnahmen erreicht werden, die über den Lebenszyklus betrachtet mehr Kosten einsparen, als ursprünglich investiert wurde.

Grüne Beschaffung trägt also zur Reduzierung des Energieverbrauchs bei – und wenn weniger Energie verbraucht wird, wird auch kein Atomstrom mehr benötigt.

In dem Buch "Einkaufsagenda 2020: Beschaffung in der Zukunft" wird die Grüne Beschaffung als einer von 4 Trends bezeichnet die die Funktion sowie den Stellenwert des Einkaufs maßgeblich verändern werden. Trends sind vergänglich, ist es grüne Beschaffung auch?

Nein. Denn in Zeiten hoher Energiepreise und steigenden Umweltbewusstseins werden energieeffiziente und Ressourcen schonende Produkte und Dienstleistungen immer wichtiger. Neben dem latenten Gefühl etwas Gutes zu tun kann richtig Geld gespart werden - und das kommt nie aus der Mode.

Wie sollten Mittelständer sich der Thematik annehmen, die unter Umständen keinen eigenen Umweltmanager beschäftigen können?

Gerade für diese Unternehmen bieten wir auf unserer Projektwebsite www.buy-smart.info zahlreiche Informationen rund um das Thema Grüne Beschaffung. Neben Labelinformationen bieten wir praktische Einstieghilfen, um sich mit dem Thema vertraut zu machen. Praxisbeispiele aus ganz Deutschland zeigen, dass man nicht einen eigenen Umweltmanager beschäftigen muss, um die Beschaffung grüner zu gestalten.

Wie sieht der Ablauf umweltorientierter Beschaffung in privaten Unternehmen aus?

Zur nachhaltigen Verankerung von grüner Beschaffung in Institutionen sollten die Einkaufsrichtlinien mit Umweltschutzanforderungen ergänzt werden. Folgende Punkte sind bei der Erstellung der Beschaffungsrichtlinien zu beachten: Das Prinzip der Optimierung der Lebenszykluskosten ist zentral für „grüne“ Beschaffung. Die Anforderungen der Kriterien und die Verifizierung der Kriterieneinhaltung müssen für den Beschaffer eindeutig sein. Es sollte möglichst auf Kriterien bestehender Energie- und Umweltlabels verwiesen werden, die zumindest in gewissen Abständen aktualisiert werden.

Steht eine Beschaffungsentscheidung an, sollte zunächst der Bedarf ermittelt werden. An dieser Stelle wird die Notwendigkeit der Beschaffung sowie deren Umfang überprüft. Hier können eventuelle Alternativen zum Kauf eines Produktes wie die Reparatur des alten Gerätes oder das Leasing eines neuen Produktes sowie Maßnahmen der Effizienz- und Synergiesteigerung umweltfreundliche Aspekte darstellen. Eine kritische und genaue Bedarfsanalyse ist einer der wichtigsten Schritte einer umweltfreundlichen Beschaffung.

Bei der Definition des Auftragsgegenstands können bereits umweltfreundliche Produkte, beispielsweise Ökostrom oder Recyclingpapier, berücksichtigt werden.

Die Leistungsbeschreibung bietet die Möglichkeit, bestimmte Umweltanforderungen zu spezifizieren. Labels wie der Blaue Engel oder der Energy Star bieten bei der Festlegung der Kriterien eine gute Orientierungshilfe. Werden die Kriterien bekannter Umweltlabel bei Ausschreibungen häufig verwendet, so wird die umweltfreundliche Nachfrage gebündelt und es besteht die Möglichkeit, weltweit agierende Hersteller zu beeinflussen.

Private Unternehmen, die sich nicht an das Vergaberecht halten müssen, haben die Möglichkeit, Lieferanten und Bieter nach ihrem Umweltengagement auszuwählen. Beispielsweise können Firmen mit einem Umweltmanagementsystem bevorzugt werden.

Angebote, die die in der Leistungsbeschreibung festgelegten Mindestanforderungen nicht erfüllen, werden von dem weiteren Verfahren ausgeschlossen. Bei der Zuschlagserteilung sollten die Lebenszykluskosten zugrunde gelegt werden, statt von dem billigsten Angebot auszugehen. In den Verdingungsunterlagen können darüber hinaus Punkte für die Erfüllung weiterer Umwelt- oder Qualitätskriterien festgelegt werden. Die erreichten Punkte können bei der Zuschlagserteilung mit beispielsweise 30 Prozent gewichtet werden.

Auch die Ausführung des Auftrags kann umweltfreundlich gestaltet werden, z. B. durch die Verwendung von recyclebaren Verpackungen oder Rücknahme des Abfalls.


Vanessa Hübner (Juristin) arbeitet bei der Berliner Energieagentur und leitet diverse Projekte im Bereich grüne Beschaffung, unter anderem das europäische Projekt „Buy Smart – Beschaffung und Klimaschutz“.

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