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Interview mit Dr. Felix Christian Matthes

Herr Dr. Matthes, Deutschlands Verzicht auf Atomstrom führt Ihrem Gutachten zufolge nicht zu gravierenden Problemen für Energiesicherheit und Klimaschutz. Sie sagen, dafür sorgen existierende Marktmechanismen. Was meinen Sie damit?

Der Kraftwerkspark unterliegt den Gesetzmäßigkeiten des Strommarktes. Und auch dieser Markt reagiert auf ein verändertes Angebot mit veränderten Preisen. Dadurch können Anreize entstehen, nicht nukleare Kraftwerke stärker auszulasten oder in neue Kraftwerke zu investieren.

Das heißt, Strom wird teurer und bringt den Kraftwerksbetreibern mehr ein, wodurch sich der Bau neuer Anlagen oder die stärkere Auslastung anderer Anlagen eher lohnt?

Genau. Und dadurch wird der Strom dann auch wieder billiger. Ein ähnlicher Mechanismus wirkt über das Europäische Emissionshandelssystem (EU ETS) auch beim Klimaschutz. Das ETS schreibt CO2-Ziele vor. Wenn ein Kraftwerk mehr CO2 ausstößt, muss eine andere vom ETS erfasste Anlage zwingend weniger emittieren. Deswegen sind weder der Klimaschutz noch die Versorgungssicherheit in Gefahr. Die Frage ist, ob man sich in der längeren Frist ausschließlich auf diese Mechanismen verlassen sollte.

Welche Optionen hat Deutschland?

Aus unserer Sicht gibt es vier Hauptoptionen, die langfristig tragen können: Die erste ist der Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung. Das ist eine sehr umweltfreundliche und ressourcensparende Technik, für die wir etablierte Förderinstrumente haben und die mit geringem Mitteleinsatz bis zu 10.000 Megawatt gesicherte Kraftwerksleistung ans Netz bringen könnte. Das entspräche der Hälfte der Kraftwerksleistung, die mit den insgesamt abzuschaltenden Kernkraftwerken fehlen würde. Die zweite Option ist die Neugestaltung der Förderung des Stroms aus Biomasse: Weg von einer Förderung, die zum Bau kleiner Kraftwerkskapazitäten führt, die möglichst viele Stunden im Jahr ausgelastet werden. Das ist in Zeiten, in denen gesicherte Leistung benötigt wird, nicht sinnvoll. Wir müssen zu einer Förderung gelangen, die möglichst große Biomasse-Kraftwerksleistungen ans Netz bringt, die aber nicht immer abgerufen werden müssen. Die dritte Option besteht aus mehr Energieeffizienz und der gezielten Beeinflussung von Verbrauchsspitzen. Die Vierte ein sogenannter selektiver Kapazitätsmechanismus, mit dem wir noch mal Kraftwerkskapazitäten in der Größenordnung von 5.000 bis 7.000 Megawatt in den Markt bringen können, wenn nötig.

Ein selektiver Kapazitätsmechanismus?

Hinter diesem Begriff verbirgt sich die Schaffung eines neuen Marktsegments. Heute werden auf dem Strommarkt nur Kilowattstunden verkauft. Wir schlagen vor, zusätzlich ein Marktsegment zu etablieren, auf dem auch neue Kraftwerkskapazitäten Einkommen erzeugen. Energie aus Sonne und Wind drückt den Strompreis auf den Großhandelsmärkten nach unten, wodurch Investitionen in neue Stromerzeugungsanlagen unattraktiv werden, wenn nur die Kilowattstunde vergütet wird. Wenn auch neue Stromerzeugungskapazitäten vergütet werden, entsteht ein zusätzlicher Markt für Versorgungssicherheit, den wir langfristig brauchen werden, auch für erneuerbare Energien.

Sie nannten als eine Option die Steigerung der Energieeffizienz. Was muss passieren, um den Stromverbrauch in Deutschland zu drosseln?

Wir schlagen in unserem Gutachten ausgewählte Energieeffizienzpakete vor, zum Beispiel den Austausch von Heizungs- oder Warmwasserzirkulationspumpen oder den Austausch von Leuchten im Gewerbe. Außerdem ein Programm für einkommensschwache Haushalte, damit sie mit Kleinkrediten effiziente Kühlgeräte anschaffen können. Die daraus entstehenden Energiespareffekte kann man vergleichsweise gut kalkulieren. Die Schlüsselinnovation wird aber darin bestehen, die Nachfrage nach mehr Energieeffizienz zu erzeugen. Dafür eignen sich unserer Überzeugung nach sogenannte „Weiße Zertifikate“.

Worum geht es dabei?

In einem Handelssystem für „Weiße Zertifikate“ würde jeder Anbieter, der Energie verkauft, zum Kauf von Energiesparmaßnahmen aus zuvor festgelegten Energiesparprogrammen verpflichtet. Nachgewiesen würde die Umsetzung dieser Maßnahmen über diese „Weißen Zertifikate“. Diese können erzeugt werden durch Maßnahmen von Energieversorgern, aber auch von Handwerkern, Ingenieurbüros oder anderen Unternehmen. Jeder Energieversorger müsste eine bestimmte Menge „Weiße Zertifikate“ kaufen. Durch die Verpflichtung hätte man eine Nachfrage nach Energieeffizienz auf Seiten der Energieanbieter. So könnte ein dezentraler Suchprozess nach neuen Möglichkeiten zur Einsparung initiiert werden. Es würde sich ein eigenes Segment eines Energieeffizienzmarktes bilden.

Und was kostet den Staat eine solche Effizienzoffensive?

Überhaupt nichts. Das Schöne an diesen Programmen ist, dass sie über die „Weißen Zertifikate bezahlt würden. Die Zertifikate würden nachgefragt von Energieversorgungsunternehmen…

…denen dadurch Kosten entstünden.

Die Kosten werden sie auf die Stromkunden umlegen. Aber durch die höheren Energieeinsparungen vermeiden die Kunden gleichzeitig Ausgaben, gleichzeitig wirken Energieeinsparungen im Strommarkt dämpfend auf die Preise. Nach allen Berechnungen halten sich Mehrkosten und Einsparungen solcher Programme die Waage. Und: Mehr Energieeffizienz verlangt eine verlässliche und stetige Finanzierung, die den öffentlichen Haushalten nach den Erfahrungen der letzten Jahre nicht mehr möglich ist. Deswegen brauchen wir eine andere Finanzierungsgrundlage. Mehr Effizienz ist kein Kostentreiber. Trotzdem wird die Energiewende etwas Geld kosten – die Ausweitung der Kraft-Wärme-Kopplung zum Beispiel, die Förderung erneuerbarer Energien oder der nötige Ausbau der Stromnetze.

Auf welche Mehrkosten muss sich ein Haushalt in Deutschland einstellen?

In unserem Gutachten haben wir das nicht berechnet. Nach Kalkulation des Öko-Instituts aber werden bei einem typischen Haushalt mit einem Verbrauch von 3.000 Kilowattstunden übers Jahr weniger als 100 Euro Mehrkosten anfallen. Die Gegenleistung dafür ist ein sicheres Stromversorgungssystem, das sich in Richtung CO2-Neutralität bewegt und ohne Kernkraft auskommt. Aber auch ein „Weiter so“ würde ja im Zeitalter steigender Preise für fossile Brennstoffe keineswegs billiger.

Importiert Deutschland jetzt mehr Strom aus nuklearen oder fossilen Quellen aus anderen europäischen Ländern? Und wie ist das zu bewerten?

Wir können gut nachweisen, dass Deutschland derzeit keinen zusätzlichen Atomstrom importiert. Darauf weisen unter anderem die sogenannten Transparenzdaten hin. Die Daten zeigen, welche Kraftwerke wie viel Strom produziert haben. Und aus deren Auswertung wissen wir, dass französische Kernkraftwerke zuletzt nicht stärker ausgelastet worden sind. Ein zweiter Beleg sind die CO2-Preise: Wenn die ausfallende deutsche Atomstromproduktion durch tschechische oder französische Kernkraftwerke ersetzt worden wäre, hätte der CO2-Preis nicht steigen dürfen. Er stieg aber, was zeigt, dass fossile Kohle- und Gaskraftwerke angeworfen worden sind. Der Klimaschutz ist dadurch nicht in Gefahr. Zwar stammt der Strom aus fossilen, teilweise CO2-intensiven Kraftwerken. Gleichzeitig stieg aber der Preis für CO2 im EU-Emissionshandelssystem um etwa 1,5 Euro pro Tonne CO2, was an anderer Stelle im System zu zusätzlichen CO2-Einsparungen führt. Mit dem Ausstieg aus der Kernenergie wird sich im europäischen Strom- und CO2-Markt ein neues Gleichgewicht einpendeln, zum Netto-Stromimporteur wird Deutschland deshalb aber nicht. Der Ausstieg ist notwendig, machbar und verantwortbar.

Dr. Felix Christian Matthes ist Forschungs-Koordinator Energie- und Klimapolitik des Öko-Instituts e.V.

Quelle: Rat für Nachhaltige Entwicklung

http://www.co2-handel.de/article344_16797.html

 

Interview mit Dipl. Ing. Fabian Schüppel

Fabian Schüppel

Haben Elektroautos eine Zukunft und würde das deutsche Stromnetz die Zusatzbelastung durch eine größere Anzahl an Elektrofahrzeugen verkraften? 

Elektroautos bieten im Gegensatz zu Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor die Möglichkeit sich lokal emissionsfrei zu bewegen. In Ballungsräumen (vgl. Umweltzonen in Deutschland) in denen auch durch den Verkehr eine geringe Luftqualität entsteht, lässt sich durch Elektrofahrzeuge die Luftqualität verbessern. Zudem können durch den niedrigeren Lärmpegel auch die Lärmemissionen durch Elektrofahrzeuge reduziert werden.
In Deutschland wurden 2009 etwa 597 TWh Stromenergie erzeugt. Die Jahreshöchstlast lag bei 72 GW Leistung. Für die bis 2020 von der Bundesregierung angestrebten 1 Mio Elektrofahrzeuge in Deutschland, würden bei einer durchschnittlichen Jahresfahrleistung von 12.000 km p.a. eine zusätzliche Energie in Höhe von 2,3 TWh (entspricht einer Energiezunahme von 0,4 %) und bei gleichzeitiger Ladung der gesamten E-Fahrzeuge eine Mehrbelastung des Netzes von 3 GW (entspricht einer Leistungszunahme von ca. 4 %) anfallen. Beides stellt weder ein Problem für die Netze, noch für die Kraftwerke dar, zumal im real nur ein geringerer Anteil der Fahrzeuge wirklich gleichzeitig laden.

Sind Elektroautos auch dann sinnvoll und ein Gewinn für die Umwelt, wenn der Strom nicht aus alternativen Energien gewonnen wird?

2009 entstand beim deutschen Strommix etwa 580 g CO2 pro erzeugter kWh Strom. Die derzeit in Flottenversuchen verwendeten Elektrofahrzeuge Mini E und Smart ED benötigen etwa 0,12 kWh/100km. Im NEFZ-Testzyklus ergäbe das CO2-Emissionen in Höhe von 70g/km. Dieser Wert liegt zwar unter dem derzeit besten Fahrzeug mit Verbrennungsmotor (Smart CDI mit 88 g/km), jedoch ist der Abstand vergleichsweise gering. Zudem werden durch den Atomausstieg und die dadurch stärkere Gewichtung der Kohlekraftwerke für den Strommix die Emissionen bei der Stromgewinnug steigen.
Erst durch eine CO2-neutrale Stromgewinnung kann durch die Verwendung von Elektrofahrzeugen der Kohlendioxidausstoß reduziert werden! Auf der anderen Seite macht es natürlich wenig sinn, erst dann Elektofahrzeuge zu entwickeln und zu bauen, wenn der Anteil an alternativen Energien zu einer merkbaren Verringerung der der CO2-Emissionen geführt hat, da die Entwicklung von Batterieelektrischen Serienfahrzeugen viel Zeit in Anspruch nimmt und zudem die Fahrzeuge relativ lange gehalten werden. Andersfall besteht die Gefahr in einer Henne-Ei-Schleife zu landen bei dem die Kraftwerksbetreiber auf die Autoindustrie wartet und ungekehrt.

Werden sich Elektroautos durchsetzen?

Eine eindeutige Aussage ist hier leider nicht möglich. Zu viele Faktoren spielen bei der Durchsetzung der Elektromobilität eine entscheidende Rolle. Der Ölpreis und die Verfügbarkeit von Öl oder auch gesetzliche Regelungen (zum Beispiel Ausdehnung und Verschärfung der Umweltzonen) sind nur einige davon. Insgesamt lässt sich sagen, dass es Bereiche gibt, in denen es äußert sinnvoll ist, Elektrofahrzeuge zu betreiben. Aber es gibt genauso Bereiche, in denen es wenig Sinn macht oder es nicht möglich ist. Für den täglichen innerstädtischen Kurzstreckenverkehr etwa bietet sich die Verwendung von Elektrofahrzeugen an, da sie die Möglichkeit bieten, Bremsenergie zurückzugewinnen und lokal emissionsfrei zu fahren. Aus Japan sind die ersten Serienfahrzeuge
in diesem Jahr auf dem Markt Verfügbar und auch Opel bietet als erster deutscher Hersteller ein Fahrzeug an, mit dem rein elektrisch gefahren werden kann. Derzeit ist es in Berlin und anderen Modellregionen beispielsweise möglich, einen Elektrosmart oder einen Elektromini zu leasen. Bei den derzeitigen Batteriepreisen und -gewichten sind allerdings Elektrofahrzeuge für Langstreckenverkehr schwer vorstellbar. Ähnlich verhält es sich im Lastwagenfernverkehr. Andererseits bieten Elektrofahrzeuge mit Energiespeichern wie Batterien auch die Möglichkeit, Energie zwischenzuspeichern, um das Problem von wetterabhängiger Energieerzeugung (Wind- und Sonnenenergie) zu kompensieren.

Gehört den Elektroautos die Zukunft? Gibt es Alternativen?

Erdgas bietet bspw. viele Vorteile gegenüber Benzinkraftstoff, da es einen geringeren Kohlenstoffanteil besitzt und so bei gleichem Verbrauch auch deutlich weniger CO2 entsteht. Derzeit sind die Akzeptanz beim Verbraucher und die Größe des Tankstellennetzes jedoch noch etwas zu gering.  Wasserstoff hat eine sehr geringe volumetrische Speicherdichte, das heißt, dass auch in diesem Fall nur vergleichsweise geringe Reichweiten möglich sind. Zusätzlich gibt es derzeit noch große Kostenprobleme bei den Brennstoffzellen. Wasserstoffbetriebene Brennstoffzellenfahrzeuge werden in naher Zukunft nicht für den privaten Nutzer erschwinglich werden. Erdgas kann als eine Brückentechnologie verstanden werden. Für bestimmte Anwendungs-fälle (Fernverkehr) gibt es Vorteile gegenüber der Elektromobilität, da die Reichweite von Batterieelektrischen Fahrzeugen z.Z noch begrenzt ist.

Dipl. Ing. Fabian Schüppel ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der TU-Berlin

(Institut für Land- und Seeverkehr (ILS) Fachgebiet Kraftfahrzeuge)

http://www.kfz.tu-berlin.de/menue/ueber_uns/mitarbeiter/fabian_schueppel/

 

Interview mit Ass. Jur. Vanessa Hübner

Welche Rolle spielt grüne Beschaffung beim Atomausstieg bis 2022?

Foto von Vanessa Hübner

Der öffentliche Sektor übt eine nicht unerhebliche Marktmacht aus. Eine von McKinsey & Company Inc. im Auftrag des Bundesumweltministeriums 2008 durchgeführte Studie beziffert das Beschaffungsvolumen des öffentlichen Sektors in umweltorientierten Zukunftsmärkten auf jährlich 51,4 Mrd. EUR. Über 60 Prozent (ca. 32 Mrd. EUR) dieses Beschaffungsvolumens entfällt laut McKinsey auf Kommunen und kommunale Unternehmen.

Das Reduktionspotenzial durch die öffentliche Beschaffung beziffert McKinsey & Company Inc. mit mehr als 12 Mt CO2e bis zum Jahr 2020. Das entspricht einer Verringerung um 28 Prozent. Dabei gehen voraussichtlich die Treibhausgasemissionen ohne Einsatz von spezifischen Vermeidungshebeln um 6,4 Mt CO2e zurück. 5,7 Mt CO2e können durch Umsetzung spezifischer Vermeidungshebel eingespart werden. Von diesen Einsparungen können 3,9 Mt CO2e durch Maßnahmen erreicht werden, die über den Lebenszyklus betrachtet mehr Kosten einsparen, als ursprünglich investiert wurde.

Grüne Beschaffung trägt also zur Reduzierung des Energieverbrauchs bei – und wenn weniger Energie verbraucht wird, wird auch kein Atomstrom mehr benötigt.

In dem Buch "Einkaufsagenda 2020: Beschaffung in der Zukunft" wird die Grüne Beschaffung als einer von 4 Trends bezeichnet die die Funktion sowie den Stellenwert des Einkaufs maßgeblich verändern werden. Trends sind vergänglich, ist es grüne Beschaffung auch?

Nein. Denn in Zeiten hoher Energiepreise und steigenden Umweltbewusstseins werden energieeffiziente und Ressourcen schonende Produkte und Dienstleistungen immer wichtiger. Neben dem latenten Gefühl etwas Gutes zu tun kann richtig Geld gespart werden - und das kommt nie aus der Mode.

Wie sollten Mittelständer sich der Thematik annehmen, die unter Umständen keinen eigenen Umweltmanager beschäftigen können?

Gerade für diese Unternehmen bieten wir auf unserer Projektwebsite www.buy-smart.info zahlreiche Informationen rund um das Thema Grüne Beschaffung. Neben Labelinformationen bieten wir praktische Einstieghilfen, um sich mit dem Thema vertraut zu machen. Praxisbeispiele aus ganz Deutschland zeigen, dass man nicht einen eigenen Umweltmanager beschäftigen muss, um die Beschaffung grüner zu gestalten.

Wie sieht der Ablauf umweltorientierter Beschaffung in privaten Unternehmen aus?

Zur nachhaltigen Verankerung von grüner Beschaffung in Institutionen sollten die Einkaufsrichtlinien mit Umweltschutzanforderungen ergänzt werden. Folgende Punkte sind bei der Erstellung der Beschaffungsrichtlinien zu beachten: Das Prinzip der Optimierung der Lebenszykluskosten ist zentral für „grüne“ Beschaffung. Die Anforderungen der Kriterien und die Verifizierung der Kriterieneinhaltung müssen für den Beschaffer eindeutig sein. Es sollte möglichst auf Kriterien bestehender Energie- und Umweltlabels verwiesen werden, die zumindest in gewissen Abständen aktualisiert werden.

Steht eine Beschaffungsentscheidung an, sollte zunächst der Bedarf ermittelt werden. An dieser Stelle wird die Notwendigkeit der Beschaffung sowie deren Umfang überprüft. Hier können eventuelle Alternativen zum Kauf eines Produktes wie die Reparatur des alten Gerätes oder das Leasing eines neuen Produktes sowie Maßnahmen der Effizienz- und Synergiesteigerung umweltfreundliche Aspekte darstellen. Eine kritische und genaue Bedarfsanalyse ist einer der wichtigsten Schritte einer umweltfreundlichen Beschaffung.

Bei der Definition des Auftragsgegenstands können bereits umweltfreundliche Produkte, beispielsweise Ökostrom oder Recyclingpapier, berücksichtigt werden.

Die Leistungsbeschreibung bietet die Möglichkeit, bestimmte Umweltanforderungen zu spezifizieren. Labels wie der Blaue Engel oder der Energy Star bieten bei der Festlegung der Kriterien eine gute Orientierungshilfe. Werden die Kriterien bekannter Umweltlabel bei Ausschreibungen häufig verwendet, so wird die umweltfreundliche Nachfrage gebündelt und es besteht die Möglichkeit, weltweit agierende Hersteller zu beeinflussen.

Private Unternehmen, die sich nicht an das Vergaberecht halten müssen, haben die Möglichkeit, Lieferanten und Bieter nach ihrem Umweltengagement auszuwählen. Beispielsweise können Firmen mit einem Umweltmanagementsystem bevorzugt werden.

Angebote, die die in der Leistungsbeschreibung festgelegten Mindestanforderungen nicht erfüllen, werden von dem weiteren Verfahren ausgeschlossen. Bei der Zuschlagserteilung sollten die Lebenszykluskosten zugrunde gelegt werden, statt von dem billigsten Angebot auszugehen. In den Verdingungsunterlagen können darüber hinaus Punkte für die Erfüllung weiterer Umwelt- oder Qualitätskriterien festgelegt werden. Die erreichten Punkte können bei der Zuschlagserteilung mit beispielsweise 30 Prozent gewichtet werden.

Auch die Ausführung des Auftrags kann umweltfreundlich gestaltet werden, z. B. durch die Verwendung von recyclebaren Verpackungen oder Rücknahme des Abfalls.


Vanessa Hübner (Juristin) arbeitet bei der Berliner Energieagentur und leitet diverse Projekte im Bereich grüne Beschaffung, unter anderem das europäische Projekt „Buy Smart – Beschaffung und Klimaschutz“.

EKOenergie

EKOenergie ist also ein neues Ökostromlabel! Kannst du uns diese Idee etwas näher bringen?

Die Idee eines Ökolabels entstammt einiger unterschiedlicher Umweltorganisationen aus ganz Europa, die beschlossen, all ihre Ideen zu kombinieren, um gemeinsam wirkungsvoller zu sein. Aus ihrer Kooperation ergab sich dann Ende 2012 das EKOenergie-Netzwerk, das heute 37 Mitglieder aus 27 unterschiedlichen Ländern hat. Wir sind auch mit vielen deutschen Umweltorganisationen in Kontakt und sind uns sicher, dass diese in Zukunft Mitglieder bei EKOenergie sein werden. Das Ziel des Netzwerks ist vor allem die Förderung der erneuerbaren Energien. Auf der Suche nach einem sichtbaren Mittel, um Verbrauchern bei der richtigen Wahl ihres Stroms zu helfen, entwickelte EKOenergie das Ökolabel. Die internationale Zusammenarbeit erleichtert es den Organisationen, ihre Erfahrungen auszutauschen und von einander zu lernen.

Das EKOenergie-Sekretariat befindet sich in Helsinki. Was treibt eine junge Deutsche nach Finnland?

Hier in Helsinki bin ich durch einen Europäischen Freiwilligendienst gelandet. Das ist eine Initiative der EU, um internationale Freiwilligenarbeiten zu fördern. Meine Wahl für das Projekt fiel auf EKOenergie, weil mir die Idee gefiel, etwas für die Umwelt zu tun und gleichzeitig sehr viel zu lernen. So setzte ich mich hier mit entscheidenden Themen für unsere Zukunft, wie dem Klimawandel und erneuerbaren Energien, auseinander. Außerdem habe ich die Möglichkeit, eine andere Lebensweise kennenzulernen und in unserem multikulturellen Büro viele interessante Erfahrungen zu sammeln.

Was sind also deine ersten Eindrücke bei der Arbeit mit EKOenergie?

Meine ersten Eindrücke sind eigentlich nur positiv. Obwohl EKOenergie noch eine junge Organisation ist, machen wir viele Fortschritte und sehen eine steigende Nachfrage und positive Reaktionen auf unser Konzept. Besonders in Frankreich und Italien sind wir sehr weit vorangekommen und beginnen dort Strom zu verkaufen, der von EKOenergie zertifiziert wird. Auch in Spanien sind wir auf diesem Weg. Das ist für mich ein umso größerer Ansporn, auch in Deutschland einen solchen Schritt voran zu machen. Zurzeit arbeiten wir an der Auswahl neuer Klimaprojekte für unseren Klimafonds. Wir werden 50.000 Euro aus den Verkäufen von EKOenergie im letzten Jahr an Projekte in Tansania, Kamerun und Indonesien spenden.

Sie fungieren also als Ökolabel für den europäischen Strommarkt?

Das Ökolabel ist zwar unser sichtbarstes Instrument, aber wir sind nicht nur ein Label, sondern engagieren uns auch in vielen anderen Bewegungen und Projekten. Letzte Woche haben wir zum Beispiel mit dem ganzen Team an einer Veranstaltung der Kampagne 350.org zum Global Divestment Day in der Innenstadt von Helsinki teilgenommen. Außerdem ist EKOenergie ein Teil der 100% Renewable Kampagne, die vom World Future Council ins Leben gerufen wurde. Die Idee der Kampagne ist, weltweit Befürworter der erneuerbaren Energien zu verbinden und eine globale Gemeinschaft für 100% erneuerbare Energien zu schaffen.

In Deutschland haben wir bereits Ökolabel. Warum brauchen wir dann noch EKOenergie?

Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern ist der Sektor der erneuerbaren Energien in Deutschland gut entwickelt und auch Verbraucher sind über die erneuerbaren Energien informiert. Deshalb konzentrieren wir uns besonders auf Länder, in denen eine solche Entwicklung noch nicht stattgefunden hat. Trotzdem möchten wir auch in Deutschland weiter voran kommen, da wir auch hier viele positive Antworten bekommen und das Gefühl haben, dass eine Nachfrage nach einem europaweiten Ökolabel besteht. Die Tatsache, dass EKOenergie sowohl vom LEED Standard für ökologisches Bauen, als auch vom Greenhouse Gas Protocol, dem weltweit anerkannten Standard für die Kohlenstoffbilanzierung empfohlen wird, löst auch bei deutschen Konsumenten großes Interesse aus. Wir sehen dies als eine Möglichkeit und sind bereit diese zu ergreifen. Das europäische Level ermöglicht es Organisationen, ihr Wissen auch international zu verbreiten und andere Erfahrungen zu importieren. Wir sind also immer froh Organisationen, Firmen oder Stromanbieter zu finden, die mit uns zusammenarbeiten möchten.

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